Mops mit Handycap findet zu Hause fürs Leben

Mops mit Handycap findet zu Hause fürs Leben
Sunna:

Hallo Anne, wie schön, dass wir die Zeit für dieses virtuelle Interview gefunden haben! Auf deinem Account ben_therescuedpug erzählst du vom Leben deines Hundes Ben. Leider hatte Ben, bevor du ihn gefunden hast, wenig Glück. Möchtest du die Geschichte des kleinen Mops-Mannes mit uns teilen?

Anne:
Hey Sunna! Ich freue mich, dass wir uns heute austauschen. Sehr gern erzähle ich dir von meiner oder besser gesagt unserer Geschichte mit Ben.

Mein Mann Martin und ich haben 2017 ein Haus gebaut. Es war schon länger mein Wunsch, unser Leben mit einem Hund zu bereichern. Lange haben wir gesprochen und hin und her überlegt, welche Rasse zu uns passen könnte. Mir war schnell klar, dass ich mich dort nicht so richtig festlegen kann. Von Dackel bis Beagle waren gefühlt alle Rassen in unserem Kopf. Mir war wichtig, dass es ein erwachsener Hund ist. Zu Beginn war dies mein Antritt, weil ein Welpe einfach so viel Zeit in Anspruch nimmt und ich mich dafür nicht bereit gefühlt habe. Ich habe dann immer mal in eBay-Kleinanzeigen nach Hunden in unserer Nähe geschaut. Dabei stellte ich fest, dass die meisten Hunde in einem Alter von 5-7 Jahren abgegeben werden. Und dann häufig mit den absurdesten Begründungen. Plötzliche Allergie, „private“ Gründe, der Hund fordert zu viel Aufmerksamkeit… Das brachte mich zum Nachdenken. Das können doch nicht die wahren Gründe sein? Mir war klar: so einem Hund möchte ich eine Chance geben. Also sollte der Hund nicht nur erwachsen, sondern am liebsten 5+ sein.

Anfang März 2019 entdeckte ich dann einen Mops-Jungen, nur knapp 40 Kilometer von uns entfernt. Sofort hat mich das Bild verzaubert. Die Beschreibung war sehr kurz. Mehr Infos sollte es am Telefon geben. Aber soll es wirklich ein Mops sein? Sie sind immer krank, kriegen keine Luft. Ich zögerte nur kurz und rief die Nummer an. Eine nette Dame ging ran und erklärte mir die Situation.

Sie haben sich den Hund vor zwei Wochen von der Nordsee geholt. Den Kindern zu liebe. Dort sei er im Rudel gebissen worden und konnte aus dem Grund nicht mehr bleiben. Nun ist er da, jedoch zeigt sich jetzt die bereits bekannte Hundehaarallergie. Ich sprach sofort mit meinem Mann. Wenige Tage später haben wir einen Besuchstermin vereinbart und konnten Ben treffen. Zur Vorbereitung habe ich im Zoohandel noch Leckerlies gekauft – getrocknete Hähnchenbrust. Das sind bis heute seine Lieblingsleckerlie. Wir kamen an und Ben kam sofort auf uns zu gerannt. Wir verbrachten knapp eineinhalb Stunden bei der Familie. Ben wich uns nicht von der Seite. Nachdem wir uns verabschiedet hatten und uns noch eine Nacht Bedenkzeit ausgebeten hatten, war es klar. Ben gehört zu uns! Zwei Wochen später haben wir ihn zu uns geholt. Am nächsten Tag waren wir zum Check-Up beim Tierarzt. Leider hat sich herausgestellt, dass Ben nahezu blind ist. Er hat so stark getrübte Hornhaut, dass er lediglich Licht und Schatten sehen kann. Ausgelöst durch zu hohe Sonneneinstrahlung aufgrund der hervorstehenden Augen. Ein häufiges Mops-Problem, welches mit Salben oder Tropfen ab dem Welpenalter hätte behandelt werden können. Leider wurde das versäumt.

Sunna:
Das tut uns sehr leid für den kleinen Ben und klingt leider nicht nach einem idealen Start ins Hundeleben. Wie hast du dich nach der Diagnose gefühlt?

Anne:
Nach der Diagnose waren meine Gefühle irgendwo zwischen Wut und Traurigkeit. Mir liefen die Tränen. Wie kann man so etwas einem Lebewesen antun? Der Verlust eines Sinnes ist fast das schlimmste, was passieren kann. Und die Aussicht, es nicht verbessern zu können, war dabei der größte Schock. Und plötzlich wurde klar, warum er immer wieder abgegeben wurde. Unterdessen hatte ich im Pass gesehen, dass es insgesamt 3 Vorbesitzer gab. Eine Anfrage bei Tasso ergab mindestens 4 Vorbesitzer. Mit Sicherheit kann man es nicht sagen, aber vermutlich wird sein Handycap ein Grund für die vielen Halterwechsel gewesen sein.

Sunna:
Ist die Blindheit Bens einzige gesundheitliche Einschränkung?

Anne:
Ben zeigt, neben seiner Erblindung, typische Zeichen einer Qualzucht. Er hat so gut wie keine Haare auf dem Bauch, hat sehr lockere Fußgelenke und ein sehr schlechtes Gebiss. Außerdem kann er nur sehr kleine Portionen fressen, da sonst sein Magen zu überreizt ist. Mit all diesen Problemen haben wir über die Zeit gelernt zu leben. Wir richten uns auf ihn ein.

Sunna:
Das klingt nach einer Menge Baustellen, für die der arme Ben natürlich nichts kann. Du hattest ja nicht nach einem blinden Hund gesucht und Tiere mit Handycap erfordern natürlich besondere Fürsorge. Wieso hast du dich trotzdem entschieden, Ben zu behalten?

Anne:
Sicher, auch wir hätten Ben einfach abgeben können. Er ist aus unserer Sicht jedoch einer der liebsten Hunde, die wir kennen. Er hat noch nie etwas zerstört oder fällt sonst irgendwie negativ auf. Er ist immer fröhlich und bringt so viel Freude in unser Leben. Seine Handycaps spielen dabei in unserem Alltag eher eine untergeordnete Rolle. Jeder aus unserer Familie weiß damit umzugehen. So ist er immer dabei.

Sunna:
Im Vorgespräch zu diesem Interview habe ich schon erfahren, dass das aber nicht die einzigen Probleme in eurem Leben als Hunde-Familie sind. Mit welchen externen Problemen habt ihr noch zu kämpfen?

Anne:
Häufig begegnen uns Menschen mit Vorurteilen. Ob auf unseren Spaziergängen, beim Tierarzt oder auch in Social Media. Sätze wie „Der kriegt ja gar keine Luft!“ oder „Tja, dann hätten Sie sich keinen Mops kaufen dürfen.“ oder „Oh der ist aber dick.“ kommen sehr häufig. Ich bin mir sicher, dass es keiner dieser Menschen wirklich böse mit uns oder Ben meint. Ich wünsche mir nur, dass sich jeder fragt, was hinter der Geschichte stehen könnte. Eines ist mir besonders wichtig: Ich würde mir nie einen Mopswelpen kaufen, da ich die Qualzucht nicht unterstützen möchte. Jedoch leben ja schon so viele Möpse, Bulldoggen etc. Soll man diese alle einschläfern lassen? Nein, sicher nicht. Solange sich an den Gesetzbegebungen nichts verändert, wird uns die Situation immer begleiten. Ich kann so sehr verstehen, dass man sich einen Mops wünscht. Sie sind charakterlich einfach unvergleichbar und erobern so viele Herzen im Sturm.

Sunna:
Eure Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, dass wir unser Schubladendenken mehr hinterfragen sollten und dass Menschen oft viel besser sind als das, was wir ihnen unterstellen aber auch, dass unsere Entscheidungen oft schwere Folgen für andere haben. Möchtest du den Lesenden noch etwas anderes mitgeben?

Anne:
Eine Sache habe ich noch auf dem Herzen. Solltet ihr mit dem Gedanken spielen einen Mops anzuschaffen, dann schaut euch bitte nach Hunden mit Vorgeschichte um. Das geht ganz einfach in Facebook-Gruppen oder Vereinen, wie Mops Engel e.V. oder Mopsnothilfe e.V. Sie werden es euch danken!

Sunna:
Vielen Dank für deine Zeit, die Einblicke in euer Leben und die wertvollen Tipps! Wir hoffen sehr, dass Ben noch ein langes glückliches Leben bei euch führt!

 


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